Category Fotografie

Kleine Fotogalerie: Lissabon

Wir sitzen kurzärmelig in der Sonne, essen Brötchen und Käse aus dem Supermarkt. Wir sind in Lissabon, knapp 2313 Kilometer Luftweg entfernt von Berlin. Weit genug weg, um diesen hässlich-grau-bedrückenden Betonkoloss zu vergessen. Diesem Wald ohne Blätter, in dem geblendete Nachtfalter umherirren und davon träumen Schmetterlinge zu sein.

Es ist Februar. Das Gras, die Bäume, die Steviablätter auf der Saftpackung – alles saftig grün. Vor uns liegt der Parque Eduardo VII, dahinter die Fassaden einiger Edelhotels. Obwohl der Marquês de Pombal, ein sich als Orientierungspunkt gut eignender Kreisverkehr, nur wenige Meter von uns entfernt ist, hören wir nichts. Ab und an ein Flugzeug, das über die Häuserfront auf der anderen Parkseite fliegt, ansonsten nur Vögel und Sommersummen.

Wir laufen. Laufen weiter. Und weiter. Immer wieder stolpern wir über Plätze mit Kiosken, in denen Kaffee statt Zeitungen verkauft wird. Kein Automatenkaffee-To-Go, sondern frischer gemahlener, in verchromten Espressomaschinen gebrühter Kaffee. So sitzen wir, mit einem bica in der einen und einem Pastéis de Nata/Belém in der anderen Hand, auf kleinen, vom Touristenschwall verschonten Plätzen. Laufen, sitzen, trinken: Uma bica, den ganzen Tag.

Schnell ist uns klar, diese Stadt hat etwas, was andere europäische Städte nicht haben. Etwas, das sich nur schwer in Worte packen lässt, uns aber nur aus außereuropäischen Städten bekannt ist. Lissabon ist besonders. Vielleicht ist es die außergewöhnlich durchmischte und von Experimenten zeugende Architektur, vielleicht die innerstädtischen Kontraste, die soziale Vielfalt. Ganz sicher nicht einfach das Wetter.

Sicherlich, auch Lissabon wird gehypt. Die Stadt erlebt einen regelrechten Tourismusboom, und das nicht erst seit gestern. Für viele Lissabonner*innen bedeutet das leider, dass sie Wohnungsprobleme bekommen, da immer mehr Wohnungen dem regulären Wohnungsmarkt entzogen werden. Wer über das Geländer der hippen LX Factory gleich neben der imposanten Ponte 25 de Abril (Brücke des 25. April) läuft, einer ehemals wohl alternativen Kreativhochburg, fühlt den Hype. Hier läuft herum, wer – aus welchen Gründen auch immer – nicht gerade in Neukölln, Kreuzberg oder Friedrichshain ist.

Als wir eines Abends auf einen Drink im tatsächlich alternativ wirkenden Crew Hassan sitzen, Selecta Orka an den Plattendesks, überhören wir das Gespräch einer Gruppe junger Internationals: „Lisbon is the new Berlin“.

I do not hope so.

Beatprojekt in Kooperation mit Yohan.

Wie kann ich mit der Kamera die Stimmung einfangen, die Musik in mir auslöst? Wie künstlerisch angemessen auf loopartig-verspielte Beats reagieren? In Kooperation mit dem Berliner Musiker und Beatproduzenten Yohan. erkundige ich die Wechselwirkung von Musik und Bild, um disziplinäre Grenzen zu brechen.

Foto: © Daniel Koßmann

Bouldern im Bahratal

The Walk
GIF: © Daniel Koßmann

Der Weg ins Bahratal ist ein weiter. Zumindest von Berlin und Bremen aus: Zug nach Dresden, Regionalzug nach Pirna, Bus nach Bahra. Das sind etwa 200 bzw. 430 km Luftlinie. Bergstraßen hinauf, hinein in die Sächsische Schweiz, immer weiter Richtung deutsch-tschechische Grenze. Noch kurz über eine weite Hochebene voller strahlender Weizenfelder, schon erblicken wir das Ortsschild. Als wir als wir aussteigen, grüßt uns der Busfahrer zum Abschied und fährt alleine weiter. Bahra leitet sich vom althochdeutschen „bar“  und „para“ ab und bedeutet in etwa leere Fläche, Öde oder auch Waldblöße. Wald umgibt uns, leer sind die Straßen und irgendwie öde, wenn auch lieblich, das Dorf. Wir sind richtig.

Bis zu unserer Unterkunft sind es nur ein paar Meter. Hier, zwischen Flussrauschen und Waldbad, schlagen wir unser Zelt auf. Die Wiesen sind saftig-grün, der Himmel blau, wir alleine auf dem Zeltplatz und der nächste Supermarkt nur 45 Minuten zu Fuß entfernt. Da wir Hunger haben, auf unnötiges Gepäck aber verzichten wollten und der Bus nur ein paar Mal täglich fährt, bleibt uns nichts anderes übrig als loszulaufen.

H-Milch und kein Bio. Die Produktauswahl ist mager, aber ausreichend. Frische Milch rentiere sich hier einfach nicht, sagt uns die Verkäuferin. Auf dem Rückweg reißen wir hier und da ein paar Nazisticker ab. Zur Erholung gibt es später Sonne und frisch gekauften Instantcoffee. Krafttanken für Waldabenteuer. Denn Gebiete mit imposanten Namen wie „Schlachthof“, „Gulag“, „Hammertor“ oder einfach „Fuck“ warten darauf erkundet zu werden. Ich überprüfe mein Kameraequipment, ziehe die Wanderschuhe an, André schultert das Crashpad. Wir laufen los.

Fotos: © Daniel Koßmann

Aufwachmomente | Neuenburger See II

Momente wie diese findest du nicht dort. Dort ist der Boden schwarz wie Asphalt, grau wie Stein, braun wie Hundekot oder rot gefärbt, weil irgendwer wieder auf die Nase bekommen hat. Hier ist er weich und aus Erde. Würze liegt in der Luft. Es fröstelt dich, wenn du vor allen anderen durch die Gegend ziehst. Links das Wasser, rechts das Schilf, die Stadt hinter dir gelassen, hinter den Bergen die Sonne. Bald ist Tag, jetzt noch Morgen.

Fotos: © Daniel Koßmann

Fast schon Herbst | Neuenburger See I

Fast schon Herbst. Seewasser, vollgesogen mit Sonnenstrahlen vergangener Sommertage, Solarthermie. Windrascheln in Schilfhalmen, der Schatten eines Schwans gleitet durch das dunkle Spiegelwasser: Die Dinger sind aggressiv. Miniwelle für Miniwelle bricht dein Körper das glasklare Spiegelwasser. Würdest du hier untergehen, nackt im nächtlichen See, würde es niemand merken. Bis zum nächsten Morgen. Aber du bist nicht alleine. Freundschaft sei Dank.

Fotos: © Daniel Koßmann

Frauen als Fotografinnen | Tipp

TV
Foto: CC BY-NC-ND 2.0 by Chris Knoch/flickr, original

„Is a woman’s place behind the lens?“ fragte Al Jazeera English am 26.04.2016 und lud die drei Fotografinnen Myriam Abdelaziz, Laura Boushnak und Tanya Habjouqa in ihre tägliche Sendung The Stream ein. Dort diskutierten sie die Rolle von Frauen als Fotografinnen.

Alle drei sind Teil eines Fotografinnen-Kollektivs, das sich aus Frauen aus Jordanien, Libanon, Palästina, Dubai, Ägypten und Jerusalem zusammensetzt und in seiner Arbeit versucht Stereotype zu brechenn. Konkret möchten die Fotografinnen festgefahrene Denkmuster überkommen, tradiert-stereotype Darstellungen von Frauen in der arabischen Welt überwinden und sie in einem neuen Kontext präsentieren. Dazu organisierten sie beispielsweise die Ausstellung „She Who Tells a Story“.

Background der Fotografinnen

Myriam Abdelaziz ist eine französische Fotografin, die in Kairo geboren wurde. 2005 entschied sie sich für eine Karriere als Fotografin, nachdem sie zuvor Politikwissenschaften, Journalismus und internationales Marketing studiert hatte. Abdelaziz besuchte das International Center of Photography und arbeitet derzeit von New York aus. Zehn Jahre nach der beruflichen Entscheidung für die Fotografie erhielt sie den Pictet Preis. Zentraler Punkt ihrer Arbeiten sind der Mensch und sich daraus ergebende sozial-politische Fragen. Durch Serien wie „Menya’s Kids“, „Navajoland“ oder „Portrait of a Genocide“ gibt sie Stimmlosen eine Stimme.

Auch in der Fotografie Laura Boushnaks spielt das Soziale und der Mensch eine große Rolle. Die in Kuwait geborene palästinensische Fotografin konzentriert sich in ihren Arbeiten sowohl auf Alphabetisierungs- und Bildungsreformen als auch auf Frauen in der arabischen Welt. Ihr fortlaufendes Projekt „I Read I Write“ bringt all dies zusammen. Boushnak schloss ihr Studium der Soziologie an der Lebanese University mit einem Bachelor ab. Später arbeitete sie als Fotografin und Redakteurin für Agence-France-Press (AFP). Ihre Arbeiten wurden u.a. 2013 mit dem Terry O’neil Photography Award ausgezeichnet. 2014 partizipierte sie im TED Global Fellow Programm.

Der Stil der in London lebenden freien Fotografin Tanya Habjouqa fällt unter den Begriff „new documentary“ Fotografie. Ihre Fotos setzen sich mit Gender, der Repräsentation des Anderen, Zwangsenteignungen und Menschenrechten auseinander. Dabei fokussiert sie die sozio-politischen Prozesse im Nahen Osten. Habjouqa studierte Journalismus und Anthropologie und schloss ihr Studium mit einem Masterabschluss der SOAS University of London in Global Media ab.  Sie ist Halb-Texanerin und Halb-Jordanierin. 2014 wurden ihre fotografischen Leistungen mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet.

„Is a woman’s place behind the lens?“

Eine empfehlenswerte Sendung in vielerlei Hinsicht. Wie immer im gewohnt-geschätzten The-Stream-typischen Format, sprich unter Miteinbeziehung von Kommentaren, Tweets und Videoantworten aus den sozialen Netzwerken.


Kenianische Fotografie: Urbanität statt Savanne

Kenianische Fotografie
Foto: © Daniel Koßmann

So vielfältig die Herangehensweise, so vereinend die Motivation. Viel zu lange wurde das Bild Afrikas von außen bestimmt, mussten Locals schweigen oder wurden beständig überhört. Eine junge Generation kenianischer Fotograf_innen möchte dies ändern und das Image ihres Landes bestimmen. Selbstbewusst nutzen sie die Mittel der digitalen Revolution und zeigen via Social Media und Internet ihre Sichtweise auf Land und Leute.

„Kenya“ hat laut google-Bildersuche vor allem etwas mit Maasai, Löwen, Giraffen, Wasserfällen, weißen Stränden, weiten Savannen und romantischen Sonnenuntergängen zu tun. Dann noch irgendwie mit politischen Unruhen, Terrorangriffen und vielleicht auch mit den Hochhäusern der Skyline Nairobis. Die Bilder mancher kenianischer Fotograf_innen hingegen zeigen ein ganz anderes Bild: Mutua Matheka beeindruckt durch faszinierende Cityscape-Aufnahmen, Joel Lukhovi gibt mit der „peace train series“ Einblick in politisches Graffiti der ostafrikanischen Metropole und Msingi Sasis führt nachts mit bester schwarz-weiß Streetphotography durch die stillen, dunklen und menschenverlorenen Straßen Nairobis.

Mutua Matheka – Fotograf, Vater, Adrenalinjunkie

Es ist schwer mit viel beschäftigten Menschen einen Termin zu vereinbaren. Mutua Matheka ist so einer. Viel treibt den jungen, sportlich aussehenden, Vollbart tragenden Kenianer mit der dicken schwarzen Hornbrille an. Matheka ist Fotograf. Nicht irgendeiner. Fotograf_innen gibt es in Kenia viele. Matheka ist einer der gefragtesten kenianischen Fotograf_innen, besonders bekannt für seine Aufnahmen Nairobis. Der Fotojournalist und politische Aktivist Boniface Mwangi soll einmal zu ihm gesagt haben: „Wenn die Medien die schöne, positive Seite von Nairobi zeigen möchten, holen sie sich die Fotos von dir und wenn sie „Krieg“ brauchen, kommen sie zu mir.“

Ausgebildeter Architekt, stolzer Familienvater, genialer Grafiker und ein scheinbar auf allen sozialen Medienkanälen vertretender Meister der digitalen Selbstinszenierung. Matheka bloggt, mobilisiert, inspiriert, organisiert und fotografiert mit Vorliebe von hohen Gebäuden. Selbstverständlich ganz ohne Höhenangst. Vitaly Raskalov KE? Nicht ganz, aber um ein Baumelnde-Beine-Selfie in gut hundert Meter Höhe zu machen bedarf es einer gehörigen Portion Mut. Oder eher einer gehörigen Portion Leichtsinn? Vielleicht ist beides nötig. Für Matheka selbst scheint dies aber gar keine große Sache zu sein: „At these heights, I feel most alive. I can’t even explain it. But that said….We all have our fears, right? Height is just not one of mine.“ Besäße er diese Angst so würden vermutlich nur die wenigsten seiner atemberaubenden Cityscape-Fotografien zustande kommen. Mutua könnte sich nicht kopfüber über Balustraden beugen, um Bilder zu schießen, deren Perspektive anderen Schwindel bereitet.

Mutua Matheka, geboren im 150.000 Einwohner_innen zählenden, 63 Kilometer südöstlich von Nairobi gelegenem Machakos, studierte Architektur an der Jomo Kenyatta University of Agriculture & Technology und ist national wie international für seine einzigartige Darstellung von urbanem Raum in Kenia bekannt. 2013 wurde er dafür mit dem zweiten Platz der Kenyan Photography Awards in der Kategorie „Creative“ geehrt. Seine Bilder zeigen Nairobi aus ungewohnten Perspektiven: epische Stadtlandschaften aus luftiger Höhe, architektonisch interessante Gebäude im extremen Weitwinkel, edle Innenräume, strukturelle Details der urbanen Welt. Matheka liebt das Spiel mit den Farben. Hohe Kontraste, satte Farben, strahlende Landschaften: Betrachtet man beispielsweise das Bild „Nairobi #2“, so sieht man links ein blau verspiegeltes, die Stadt widerspiegelndes Hochhaus. Es ist der wuchtige I&M Tower mit seinen vier rot blinkenden, Flugzeuge warnenden, an Speerspitzen erinnernden Signalsäulen auf dem Dach. In den bei Tageslicht strahlend blauen Glasflächen zeichnen sich jetzt bei Nacht verkrümmt-zerstückelte Abbilder, Bruchteile, Fragmente der tieforangenen umherliegenden Gebäude ab. Sternförmig verläuft das Licht einer Straßenlaterne in ihm, durch beleuchtete Fenster möchte man Köpfe einiger noch arbeitenden Menschen erspähen. Über all dem der dunkelblaue, mit lila Streifen durchzogene Himmel und die Ruhe einer Stadt, die einem modernem Märchen entsprungen sein könnte. Einem modernen Großstadtmärchen.

Matheka möchte bestehende Perspektiven und Konzepte brechen, Sichtweisen auf Afrika ändern und ihnen neue entgegensetzen. Während man sich bei europäischen Metropolen wie Berlin oder Paris eher fragen sollte, ob sie wirklich so grün, hell und hipp sind wie sie scheinen, gilt der umgekehrte Fall für Nairobi. Mutua Matheka setzt hier an. Und er ist nicht alleine. Die kenianische Foto-Community ist gut vernetzt. Regelmäßig ziehen sie in Foto-Ralleys durch die kenianische Metropole und veröffentlichen ihre Eindrücke auf instagram, beispielsweise unter dem Hashtag #MatembeziNai, übersetzt „Spaziergang Nairobi“. Wer dieses urbane Gebilde nicht kennt mag überrascht sein: Es ist nicht Dubai, es ist nicht New York. Es ist „nur“ Nairobi. Eine ganz gewöhnliche afrikanische Großstadt. Gezeichnete Schönheit in gold-königlichem Licht.

Msingi Sasis – Ninja der Streetfotografie

Manchmal strahlen Nairobis Nächte vor lauter Eleganz mit den Sternen am Himmelszelt um die Wette. Es sind diese Momente in denen man sich sicher sein kann, dass in dieser Stadt heute irgendwer die Nacht seines*ihres Lebens hat. Manchmal spiegeln Nairobis Nächte aber auch nur die Tränen wieder, die die Härte des Lebens erzeugt. Das Street Photography Projekt „Nairobi Noir“ des fünfunddreißigjährigen Msingi Sasis beinhaltet beide Momente. Sie sind Bestandteil eines außerordentlichen Versuchs, das nächtliche Nairobi unverblümt wiederzugeben. Obwohl der Großteil der Aufnahmen in Nairobis geografischem Herz, dem CBD oder „tao“ genannten Central Business District, entstanden ist, steht eigentlich nicht die Stadt selbst im Vordergrund. Sie ist vielmehr schmückendes Beiwerk, schlichter Hintergrund für die abgebildeten Menschen und die Geschichten, die sie erzählen: „Nairobi Noir is mostly about people,“ so Sasis selbst.

Vom kenianischen UP-Magazine als „photography ninja“ bezeichnet, von zahlreichen Blogs und dem BBC World Service gefeatured, ist der Mann hinter „Nairobi Noir“ kein unbeschriebenes Blatt mehr. Er ist bekannt. Und trotzdem ist es schwer seine Person betreffende Informationen im Internet zu finden. Msingi Sasis scheint der Öffentlichkeit nur mit Vorsicht zu begegnen, ihr nicht ganz zu vertrauen. Auf einem Bild ist Sasis vermummt und trägt Sonnenbrille, im Interview mit Dan Damon scheint er zurückhaltend, fast schüchtern zu sein. Seine Stimme leise und zögernd. Seine Augen auf Profilfotos von Twitter, Facebook und Co. sind stets mit einem schwarzen Banner überzogen, auf dem in geschwungener Handschrift der eigene Name steht.

Vielleicht möchte Sasis auch einfach nicht im Vordergrund stehen und seine Bilder für sich sprechen lassen. Sie erzählen schließlich genügend Geschichten. Während sich in Mutua Mathekas Nachtaufnahmen Straßenlaternen in Diamanten und fahrende Fahrzeuge in glühende Lichtstreifen verwandeln, dominiert bei Sasis die dunkle Seite Nairobis. Schwarz ist das dominierende Element, auf vielen Fotos regnet es. „In the rain people behave quiet differently. At dark on certain streets there is a very sinister and threatening mood [or] atmosphere, especially [in] some very short [and] dark allies. You can literally see it even without having it photographed.“ Menschen erscheinen in den Fotografien der „Nairobi Noir“-Serie oft nur als abstraktes Abbild ihrer eigenen Umrisse.

Mit viel emotionaler Nähe zum Sujet zeigt Sasis die dunkel-düsteren, auf einmal so langsam-leeren Straßen der ostafrikanischen Großstadt. Dabei wahrt er den Respekt zu seinem Gegenüber: Keine Close-Ups, keine Entstellung, manchmal nur Schatten. In der Regel anonym von hinten, fast nie frontal. Immer mit Distanz: 3, 5, 10, 15 Meter. Nairobi ist nachts nicht ganz ungefährlich: Auf den einsamen Straßen, zwischen all den hohen Gebäuden fühlt man sich nicht nur alleine. Man ist es auch. Wieso also freiwillig durch die Häuserschluchten wandeln, als wäre es eine friedliche Betonwiese, mit einer Kamera in der Hand? Es ist die Stadt selbst, ihre Mystik, die den Fotografen zu sich ruft:One night I noticed how beautiful the city looked after dark, and it caught my fancy to take a few photographs. […] This became a habit, and in time I found myself wandering more and more into Nairobi’s streets in search of its scenes and stories.“

All der Düsterkeit zum Trotz: Manchmal sind es die Details, wie das Foto einer Bar mit den Namen „West End Bar“, die einen schmunzeln lassen: Ein Mann fegt, seinen Rücken arg gekrümmt, den Boden. Eine leicht unscharfe Werbetafel soll potenzielle Kund_innen mit der Abbildung des beliebten Tusker-Biers anlocken. Auf ihm der Slogan „TWENDE KAZI“ (Auf geht’s zur Arbeit). Nicht lustig, eher fragend, ist das Bild mit dem Titel „The Eyes Can´t Resist“. Zwei junge, zum Ausgehen gekleidete Frauen verlassen einen Parkplatz und lassen zwei ihnen hinterherblickende Straßenkinder zurück. Voller Energie in die Nacht, vielleicht zum Tanzen. Voller Sehnsucht stehen gelassen. Den Kopf völlig benebelt vom süßlichen Gift des Klebstoffschnüffelns. Aber Nairobi ist vielfältig: Menschen aus allen Herren Ländern bevölkern die Stadt und leben neben und miteinander in diesem urbanen Gebilde. Ganz fehlen können die positiven Momente in Msingi Sasis Streetfotografie also nicht. Sie werden sichtbar bei den zwei Fußball spielenden Jungs des Bildes „Untitled 53“, die versunken im Spiel Raum und Zeit vergessen haben. Oder die beiden Frauen, die in „Like Little Girls In the Rain“ Arm in Arm, verträumt voller Leichtigkeit, abgeschirmt von Regen und Außenwelt, auf die Statue des Freiheitskämpfers Dedan Kimathi zulaufen. „Nairobi is like any other city in the world, particularly at night. It has all the elements of the human condition that you will find anywhere else in the world. The beauty you see in cities, the sense of threat, you feeling them at night. They all exist there.“

Barbara Minishi – kickboxende Modefotografin

In einem völlig anderen Kontext beschäftigt sich Barbara Minishi mit Urbanität. Minishi zählt zu den ersten professionellen Fotografinnen in Kenia, die sich der Modefotografie gewidmet haben. Das ist mittlerweile zwölf Jahre her. „You´re black, you´re female, there´s no possible way you can be a professional photographer,“ wurde ihr am Anfang ihrer Karriere gesagt. Seitdem hat sich Minishi international einen Namen gemacht, all der ihr entgegen gebrachten Skepsis zum Trotz. Sie muss sich durchgekämpft, Schläge und Tritte einkassiert haben, ganz so als wäre es ein Kickboxtraining gewesen. Auch wenn der Körper schmerzt, das Training geht weiter. Kickboxen ist ihre Passion. Dieser Durchhaltewillen hat ihr mittlerweile sogar einen Preis für die beste künstlerische Leitung im Film „Nairobi Halflife“ eingebracht.

Minishi kam schon früh mit Fotografie in Kontakt. Ihren Vater beschreibt sie als Fotoenthusiasten, der mit großer Sorgfalt das Fotoalbum der Familie pflegte. Mit seiner Kamera fing sie an zu fotografieren, mit ihr machte sie ihre ersten Bilder. Bilder die mit alt hergebrachten Stereotypen brachen: „When I started out representation was important to me. It was odd seeing a plethora of just news or human disaster-type images. The only books I saw about Kenya were on landscape and exotic tribal people. I felt there was more that could have been portrayed. It’s no wonder my first story was on contemporary dance.“ Vom zeitgenössischem Tanz zur Modefotografin. Barbara Minishi war schon immer von der Schönheit, der Kultur, der „vibrancy“ des Menschen fasziniert. Während für manche Städte wie Paris, Berlin, London oder New York das Zentrum der Fashionszene ist, entwickelt sich auf dem afrikanischen Kontinent eine eigenständige Modeszene. Minishi ist ein Teil davon. Fashion Weeks in Malawi, Kenia, Nigeria, Südafrika und anderen Ländern bieten Modefotograf_innen eine Vielzahl von Möglichkeiten.

Auch wenn Urbanität und Fashion an sich schon eng miteinander verbunden sind, weisen viele Arbeiten der jungen kenianischen Fotografin eine besondere Verknüpfung der zwei Themen auf. Nicht selten fotografiert sie ihre Models in urbanen Räumen wie auf Baustellen, in Rohbauten, vor Graffitis oder in Fitnessstudios. Besonders erwähnenswert sind hier beispielsweise die Fotografien der Serie „City Models Africa“, welche modisch gestylte Schwarze Frauen vor einem klaren weißen Hintergrund zeigen. Wie durch einen seichten Vorhang fällt der Blick des_der Betrachter_in durch ihre Konturen hindurch auf Elemente einer modernen Großstadt: bunt beleuchtete Großstadtgebäude, Lichter vorbeiziehender Autos und nasser, das Licht brechender Asphalt. Die meist jungen Frauen wirken selbstbewusst und stolz, unantastbar und kühl. An Diven erinnernd. Das Divenhafte bringt wohl die Modefotografie mit sich. Es ist auch Teil der Serie „SAITH“: Auf einem Bild sieht man wie eine junge Frau mit braunen Locken und hohen Stöckelschuhen, herausfordernd durch das offene Dach, in den auf sie Licht werfenden Himmel schaut. Sie trägt einen gelben Rock mit schwarzem Muster, durch ein vergittertes Fenster wird das Szenario von rechts mit Seitenlicht beleuchtet. Der blaue Himmel kontrastiert farblich das Kleid, die abgeplatzte Wandfarbe und der dahinter auftauchende Rohbeton die Weichheit des golden schimmernden Stoffes und der sanft gewellten Haare. Herausfordernd blickt die Frau in den Himmel.

Die Befreiung des Bildes

Wird es dieser Generation von aufstrebenden, den Stereotypen widerstrebenden jungen Fotograf_innen gelingen das Bild Kenias neu zu besetzen? Werden sich diese Art von Fotograf_innen in der Afrikaberichterstattung gegen Zebrabilder, Savannenklischees und Elendsvoyeurismus durchsetzten? Letztlich also mehr kulturelle Unabhängigkeit erringen und Selbstbestimmung erfahren? Hoffen wir es, denn es wäre ein weiterer Schritt hin zu einem selbstbewussten und befreiten Afrika: Politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit kann es nicht ohne die kulturelle geben. Die Befreiung des Bildes und dessen Loslösung aus den Händen weißer, westlicher Fotograf_innen durch eine neue Generation afrikanischer Fotograf_innen wird diesen Prozess beschleunigen und die Befreiung des afrikanischen Kontinents weiter vorantreiben.

Gegen die Lüge der objektiven Fotografie

Foto: Go Travel by Максим Кагарлыкский/flickr (CC BY 2.0), original.

Von Gefühlen, eigenen Gedanken und dem Moment gesteuert, versuche ich Dinge so wiederzugeben, wie ich sie erlebe. Denn es gibt keine Objektivität, weder in der Wissenschaft, der Fotografie noch im Journalismus.  Die Fotografie kann uns dabei helfen die Subjektivität und Formbarkeit der Wirklichkeit zu verstehen.

Die Objektivität ist tot!

Ob Kunst, Literatur oder Wissenschaft: Es gibt keine Objektivität. Sie ist tot, sie war niemals existent. Schon gar nicht in der Fotografie. Auch nicht im Fotojournalismus, das hat der italienische Fotograf Ruben Salvadori in seinem Projekt Photojournalism Behind the Scenes deutlich gemacht. Carsten Luther hat dies in einem Zeit-Artikel von 2012 über die Arbeiten Salvadoris auf den Punkt gebracht.

Immer zeigt das Foto nur einen Ausschnitt all dessen, was am Ort des Geschehens zu sehen gewesen wäre. […] Die auf einen Sekundenbruchteil reduzierte Aufnahme kann […] nicht widerspiegeln, dass die Realität vor allem ein Prozess und eben kein Moment ist.

Fotografie bildet also nur das ab, was der*die Fotografierende sieht. Eigentlich sollten wir Menschen des 21. Jahrhunderts dies begriffen haben. Dennoch oder gerade deshalb halten wir uns an der Lüge der Objektivität fest. Wir klammern uns an sie wie an ein Seil, das lose in der Luft baumelt und uns vor dem Sturz in die gefürchtete Subjektivität schützt. Wir haben nicht gelernt mit ihr umzugehen. Glauben weiterhin, dass es so etwas wie einen distanzierten, gar objektiv-wissenschaftlichen oder distanziert-journalistischen Blick gibt. Aber gibt es den wirklich? Sind wir nicht immer Teil der uns umgebenden Welt und können uns von ihr gar nicht distanzieren? Ist es daher nicht viel wichtiger die eigene Position und Subjektivität klar zu machen, eine Position zu behaupten und Wissenschaft oder Journalismus mit Haltung zu betreiben?

Qualitativ hochwertige Fotografie, ebenso wie qualitativ hochwertiger Journalismus oder qualitativ hochwertige Wissenschaft, darf kann und darf sich nicht länger durch eine vorgegaukelte Objektivität auszeichnen. Sie müssen eingestehen, dass es keine eine Wahrheit, keine eine Wirklichkeit gibt, sondern das die Wirklichkeit nur im Plural existiert. Dies ist umso wichtiger in Zeiten, in denen erschreckend große Teile der Bevölkerung etablierten Medien unter dem Schlagwort „Lügenpresse“ falsche Berichterstattung vorwerfen.

Fotografie ist die Entwicklung eigener Perspektiven

Ernsthaft betriebene Fotografie kann dabei helfen sich der Subjektivität bewusst zu werden, mit der wir unser Umfeld betrachten. Denn durch sie sind wir dazu angehalten eigene Perspektiven zu entwickeln und diese mit anderen abzugleichen. Auf diese Weise gestalten wir die uns umgebende Welt mit und formen ihre Wahrnehmung durch uns und andere.

Jeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten. […] Beobachten ist ein elementar dichterischer Vorgang. Auch die Wirklichkeit muss geformt werden, will man sie zum Sprechen bringen. (Friedrich Dürrenmatt)

Dabei ist es zweitrangig, vielleicht sogar egal, wie gut die Kamera, wie teuer das Objektiv ist. Gute Bilder entstehen nicht einfach durch gute Kameras. Das ist eine komische, etwas dümmliche, doch im Alltag weit verbreitete Vorstellung. Gute Bilder entstehen durch gute Fotograf*innen. Durch eine besondere Perspektive, eine überzeugende Idee, etwas Glück und viel Übung.